Hallo Kollege J,
Pneumologe hat geschrieben:
In anderen Ländern sehen die meisten Schlafapnoe-Patienten kein Schlaflabor von innen. Und ich meine nicht den Sudan, sondern EU-Länder mit durchaus hochentwickelten Medizinsystemen. Wozu auch? Um die Atmung zu behandeln, braucht man den Schlaf nicht zu untersuchen.
Na ja, das sehe ich etwas anders. Nicht, weil ich selbst ein SL betreibe und deswegen einen Scheuklappenblick habe.
Natürlich erfordert die Schlafapnoe an sich noch keine stationäre Untersuchung im SL, weil die dafür wichtigen Parameter Atmung und Sauerstoffsättigung auch ambulant aufgezeichnet werden können. Trotzdem sprechen verschiedene Punkte dafür, zumindest die Diagnostik und Therapieeinleitung im SL zu machen:
1. Oft wird über die mangelnde Mitarbeit der Patienten bei der Maskentherapie berichtet. Das ist verständlich, denn wer setzt sich schon freiwillig - nur weil der Doktor einem dazu rät - ein unbequemes Plastikding ins Gesicht und verbringt seine Nächte damit? Um das gerne zu tun, muss man verstehen und sehen, worum es geht. Meiner Erfahrung nach halten vor Allem die Patienten die Maskentherapie konsequent durch, die einmal im Video gesehen haben, wie sie nachts gegen das Ersticken ankämpfen, wie Ihr Herz zu rasen anfängt und der Blutdruck hochschnellt. Da erblassen selbst die stärksten Jungs und werden plötzlich ganz leise. Das heisst, dass ich zumindest einige Stunden umfassender Diagnostik für unverzichtbar halte, um dem Patienten überzeugende Argumente für eine Therapie zeigen zu können.
2. Was ich für absolut unmöglich halte ist eine Maskentherapie ambulant ohne Begleitung von medizinischem Fachpersonal zu beginnen. Die meisten Patienten brauchen nachts Hilfe: Die Maske ist unbequem oder undicht, der Mund trocknet aus und es muss ein Atemluftbefeuchter dazugeschaltet werden, beim nächtlichen Erwachen taucht plötzlich Panik auf usw. Es gibt wenige Patienten, die nicht in der ersten Nacht irgend eine Art von Unterstützung einer Fachkraft brauchen. Ausserdem: Wie soll der korrekte Druck gefunden werden, die exspiratorische Druckabsenkung, die Rampenzeit usw.? Ein Verzicht auf eine Begleitung in der ersten Nacht würde meiner Meinung nach dazu führen, dass eine erheblicher Teil der Patienten die Maskentherapie gar nicht erst beginnen würde.
3. Die Patienten kommen nicht nur mit ihrer Schlafapnoe, sondern auch mit weiteren schlafmedizinischen und allgemeinmedizinischen Problemen: Restless Legs, nächtliche periodische Beinbewegungen, Parasomnien, Ein- und Durchschlafstörungen, Herzrhythmusstörungen, hoher Blutdruck, Asthma, COPD, Rückenschmerzen... Dies alles spielt eine wichtige Rolle, wie gut die Maskentherapie klappt und was sonst noch die Schlafqualität beeinträchtigt. Dazu muss man Patienten beraten, eventuell Medikamente verordnen oder weitere Untersuchungen veranlassen. Wenn dies erst verzögert und eventuell nach längeren erfolglosen Versuchen in die Wege geleitet wird, verleidet das den Patienten die Maskentherapie möglicherweise zusätzlich.
Pneumologe hat geschrieben:
Hinsichtlich der Aussagekraft der Polygraphie und Polysomnographie gibt es - bezogen auf OSAS - keine Erkenntnisse, dass die aufwendige Untersuchung im Schlaflabor aussagekräftiger wäre.
Vielleicht keine doppelblinden und plazebokontrollierten Studien, aber jahrelange praktische Erfahrungen.
Pneumologe hat geschrieben:
Und wenn Sie dann im Labor nicht richtig schlafen können, werden sie wieder nach Hause geschickt - mit u.U. obsoleten Therapieempfehlungen.
Da muss ich Ihnen leider recht geben. Wie in so vielen Bereichen der Medizin - und des "wirklichen Lebens" - wird allzu oft in Schubladen und Schablonen gedacht.
Grüsse